Ich wohne im Geriatrie-Ghetto des Grauens. Sehr Alte sind zu Abertausenden hierhergezogen und haben Dutzende von Seniorenresidenzen/ Altersheimen/Pflegeheimen/Alterswohnungen erobert, die Namen wie Villa Alma, Pflegeheim zur Seerose oder Emmaus Bibelheim tragen. Von da aus sparen sie Steuern und blicken auf den See.
Alte fahren übers Steuerrad gebückt, starren angestrengt durch die Frontscheibe und sind laaangsam. Ausser, wenn sie einem den letzten Parkplatz wegschnappen wollen. Dann geht’s plötzlich ganz schnell. Am Morgen, wenn ich in Ruhe den Tag andenken will, fordern Alte das Grüezi-Obligatorium ein. Ich sinne täglich Taktiken aus, damit ich den Omas und Opas, die an Rollatoren, das sind Einkaufswägeli, an denen sie halbwegs senkrecht vorwärtsschlurfen, oder angeklammert an bedauernswerte, junge, hübsche Pflegerinnen ausschwärmen, nichts antworten muss. Ich starre auf den Boden oder in die Luft. Ich will keine schütteren Löckli, Warzen, Nasenkrebse, Beinstümpfe (Diabetes), blicklose Augen (Alzheimer) vor dem ersten Espresso anblicken müssen. Vergeblich: „SIE händ Sie dihei kei Maniere glärnt??!!“
Die Geschäfte hier sind schmuddlige Brockenhäuser, man findet in ihnen Bandagen für offene Beine, Reisbesen, Wärmeflaschen. Dann sagen die Alten zur alten Verkäuferin: „Bin iiich froh, dass äs Ihre Lade no git, wie gats dänn äm Tante Rösli, blabla.“ An jeder Ecke lockt eine Arzt/Gesundheits/Psychiatrie/Augen-Praxis, und wenn man mal krank ist, sitzt man im Wartezimmer zwischen Hundertjährigen, die aussehen wie eine Kombination von Dalai Lama mit Nacktmolch Axolotl. (Hallo Dalai Lama, in Ihrem Alter sollte man nicht mehr ärmellos tragen und blöd kichern). Alte sagen dem Doktor: „Ich han no zwänzg Schparpackige vo Ihrem Ghirn-Medikament, söll ich die furtrühre?“ Cleverer Dr.: „Mached Sie das, ich han jetzt öppis ganz Neus. Chönd Sie wieder diräkt bi mir chaufe.“ Opa’s Drogendeal, auf Kasse. Was man solidarisch mitblecht.
Logisch gibt’s hier im einzigen Café dünnen Kaffee und keine Zeitungsauswahl. Zuhause im Altersheim hat man ja hochprozentigen Kamillentee, Griessbrei und die Apotheken Umschau, in der Brandneues fürs tausendjährige Leben steht. Ich weiss gar nicht, wieso niemand die Sterbeorganisationen im Quartier will. Besser einige richtig Tote nebenan als Tausende von Halbtoten, die noch möglichst lange leben wollen. Auf der Post hatte ich kürzlich Amok-Fantasien, weil eine Uralte, begleitet von alter Tochter sich am Schalter über den sehr eventuellen Kauf eines Handys (gälled Sie Frölein, so öppis bruucht mär hüt schints und händ Sie au die Zürischifffahrtsjubi-Briefmarke, ratata?) ratschen wollte. Ich dachte, jetzt kaufst du eine Knarre und bläst die Omas um. Und dann machst du draussen gleich weiter.
Hin und wieder gibts Geriatrie-Kultur. Neulich wurde ein junger, schöner Tenor in die Villa Alma engagiert, um zwischen violetten Dauerwellen und Lungenkrebsbesitzern zu singen. Ich hoffe, die Gage war dementsprechend hoch angesetzt. Obwohl in den Residenzen garantiert Altersgeiz regiert. Apropos: Als ich einzog, erwartete meine alte Vermieterin, die Blüsli, Söckli und Schüpp trägt, Gratis-Unterhaltung, also dass ich mit ihr Rahmschnitzelnüdeli-Zmittag esse (danach die Küche aufräume), mit dem uralten Köter Gassi gehe und sie nach den Privatspitalaufenthalten, in denen sie morsche Glieder flicken lässt, besuche. (Sie chönd ja froh sie, dass Sie bi eus so schön wie im Burolac wohned, gälledsie, Frau Weissberg). Ich will nicht in Wohnungen sitzen, die süsslich nach 4711, Altsein und Tod müffeln und über Klavierkonzerte reden. Meine Oma war nie so, die verprasste im Casino all ihr Geld und kippte mit 75 nach dem Wiener Opernball glücklich und tot um.
Spätestens mit siebzig ist auch bei mir Schluss. Definitiv. Und wenn ich eventuell schon zu dement wäre, um das auch in die Tat umzusetzen, dann bitte ich alle, die mich so mögen, wie ich jetzt bin, mir dabei zu helfen. Viel vorher ziehe ich ja gottlob noch um. Und wehe, wenn die Alten dann plötzlich auch in die Stadt strömen wollen!
www.bild.de/BILD/regional/duesseldorf/aktuell/2010/03/23/duesseldorfs-gemeinster-raeuber/er-ueberfiel-schon-zehn-rollator-omas.html
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wer das letzte WM-Gruppenspiel der Schweiz - Honduras leitet
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