Dr. Hugs Filmriss:

Donnerstag, 5. Juli 2012, 12:42 | Von Dr. Dominik Hug

The Raid

Hand aufs Herz. Wer findet auf einer Weltkarte Indonesien innerhalb von 5 Sekunden? Ich! Aber auch nur nachdem ich "The Raid" gesehen habe...

Inhalt:
Ein 20köpfiges SWAT-Team hat den Auftrag ein Hochhaus zu stürmen, welches unter Kontrolle des Gangsterbosses Tama steht. Leise nehmen die Cops Stockwerk um Stockwerk ein, bis Alarm geschlagen wird und Tama die kriminellen Elemente des Blocks auf die Polizisten hetzt. Ein brutaler Kampf ums Überleben beginnt, doch den Gesetzeshütern geht langsam die Munition aus...

Indonesien. Hauptstadt Jakarta, Telefonvorwahl +62, Staatswährung Rupiah, 237 Millionen Einwohner... darunter der Waliser Gareth Evans, seines Zeichens Regisseur.

Als der thailändische Film "Ong Bak" vor bald einem Jahrzehnt Martial Arts-Maschine Tony Jaa zum ultimativen Actionstar des neuen Jahrtausends hochhievte, war dies für Freunde des Actionfilms wie der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Die Thailänder zeigten Hollywood, was Stunts wirklich sind. "Ong Bak" und "Tom Yum Goong" sind immer noch überstyltes und krachendes Actionkino der Superlative - und Tony Jaa wäre noch immer auf dem Thron des neuen asiatischen Martial Arts-Kinos, wären da nicht die beiden unsäglichen "Ong Bak"-Fortsetzungen, welche Jaa weit unter seinem Wert verkauft haben. Der empfindliche Jaa nahm sich diese Niederlage sehr zu Herzen, gab die inoffizielle Position des Martial Arts-Kino-König wieder frei und zog sich zurück in ein buddhistisches Kloster.

Iko Uwais ist der Hauptdarsteller im vorliegenden Streifen "The Raid". Mit zehn Jahren begann Iko mit Silat, Überbegriff für die Kampfkünste des Malaiischen Archipels. Als Regisseur Evans im Jahr 2007 eine Dokumentation über Silat drehte, lernte er Uwais kennen und verpflichtete ihn zwei Jahre später für den Actionfilm "Merantau", ein mir auch noch unbekanntes Werk. Uwais, der bis anhin für eine Telekommunikationsfirma arbeitete, kündete seinen Job und arbeitet seit 2009 für Evans Filmproduktionsfirma. "The Raid" ist der zweite Langfilm dieses ungleichen Duos.

Ein Film, der sich einen Dreck um Charakterentwicklung dreht, dem ein ziemlich hahnebüchenes Drehbuch geschrieben wurde und dessen Hauptaugenmerk auf Bad Guys vs. Good Guys liegt - so ein Film hat definitiv Potential. Sofern der Regisseur es versteht die Story so voranzutreiben, dass dem Zuschauer die immensen Logiklöcher total egal werden. In "The Raid" klappt dies vorzüglich. Beginnt der Film noch mit einer ruhigen Szene, in welcher Iko Uwais' Charakter Rama sich von seiner hochschwangeren Frau verabschiedet, gehts direkt rein in den SWAT-Transporter und die Cops und die Zuschauer werden über die kommende Mission informiert. Wir erfahren auch, dass Rama der jüngste Cop des Teams ist und in den Augen des Einsatzleiters deswegen auch ein Risikofaktor für das Team darstellt. Nach gut zehn Filmminuten befinden wir und SWAT uns bereits im Hochhaus und der blutige Adrenalinkick beginnt.

Die ersten vierzig Filmminuten bestehen dann auch grösstenteils aus üblen Schusswechseln. Äusserst explizit dargestellt, treten Kugeln in Körper von Gut und Böse ein. Da fliegt auch schon mal ein Kopf weg - echt nichts für schwache Gemüter. Um noch etwas Realismus ins Drehbuch zu bringen, sieht sich unser Team (oder was davon noch nicht im "Zehn kleine Jägermeister"-Verfahren abgemurkst wurde) bald mit der brutalen Filmwirklichkeit konfrontiert, keine Munition mehr zu haben. Kein Problem, liegen ja genug Messer, Macheten und sonstige Gegenstände herum, mit welcher man die Seiten der Guten und Bösen noch ein wenig dezimieren kann. Etwas anderes passiert in diesem Film eigentlich nicht. Der Bodycount schiesst in Mount Everest'sche Höhen. Und doch unterhält das Geschehen so dermassen gut, man will den Film nicht stoppen, man will die Augen nicht vom Screen nehmen, denn Gareth Evans hat dem Film ein Tempo mitgegeben, welches man einfach nicht abbremsen lassen will.

Trotz minimaler Kampfkunst-Erfahrung und definitiv mehr theoretischem als praktischem Wissen über die Kriegskünste weltweit, Silat war mir eine total unbekannte Kampfkunst und macht auf mich zumindenst optisch den Eindruck dem Muay Thai nicht unähnlich zu sein, wirkt nicht schön oder Posen zelebrierend, aber brutal effektiv. Und mit Iko Uwais ist genau der richtige Mann der filmische Vorzeigekämpfer für Silat. Denn Uwais bringt nicht nur unglaubliche Kampffertigkeiten mit sich, sondern auch eine ungeheure Leinwandpräsenz, welche in diesem Genre einfach Gold wert ist. Man nimmt ihm die Ernsthaftigkeit seiner Rolle jederzeit ab und er wirkt schauspielerisch keineswegs unerfahren, obwohl er hier natürlich nicht den Shakespeare geben muss, sondern nur der Figur Rama ihre Konturen verleihen. Auch der Rest des Casts macht einen soliden Job.

Die Hand-to-Hand Kampfszenen spielen sich ausschliesslich in den Wohnungen, Gängen und sonstigen Räumen dieses alten und hässlichen Hochhauses ab. Wer auf so engem Raum Fightszenen dreht, ist auf einen richtig guten Choreographen angewiesen. In Yayan Ruhian hat der Regisseur diesen auch gefunden - und mehr als das - Ruhian spielt auch Mad Dog, einen der Bodyguards des grossen Bösewichts, und liefert sich mit Rama gegen Filmende einen mehrminütigen Kampf, welcher den Zuschauer definitiv mit offenem Mund dasitzen lässt.

Der Soundtrack ist vielleicht nicht das Herz eines Films, aber zumindest die Lunge. Und damit "The Raid" die Luft nicht ausgeht, hat man als Komponist Linkin Park-Sänger Mike Shinoda an Bord geholt. Eine gute Entscheidung, denn der pulsierende Soundtrack half mit, dem Zuschauer fast keine Minute Erholung zu gönnen. Mission Score: Accomplished.

Wenn man bei "The Raid" unbedingt noch eine Schwäche suchen will, dann findet man diese beim Setting. Gareth Evans plante eigentlich ein wesentlich grösseres Budget für seinen Film ein und musste sich schlussendlich mit etwas mehr als nur einer Million US-Dollar zufrieden geben (jeder zweite Hollywood-Kracher kostet etwa das hundertfache - so als Vergleich). Und in Anbetracht dessen, muss man vor Evans und seinem Team einfach den Hut ziehen. Unter diesen Bedingungen ein Actionbrett dieser Art abzuliefern, das ist einfach nur Klasse.

Der Film läuft am 12. Juli 2012 in den deutschen Kinos an. Für die Schweiz rechne ich (mal wieder...) nur mit einem DVD-Release.

Fazit: "The Raid" ist zweifellos DER Actionfilm des Jahres. Jetzt weiss ich wieder, warum ich im Actionkino zu Hause bin.

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