Jetzt bloss nicht vergeigen! Dabei war ich wirklich ohne jeden Hintergedanken, ohne jeden Plan in diese Bar gegangen. Ich wollte nur ein Bierchen kippen. Oder zwei. Die Bar war voll, laut und teuer. Ich wollte gerade bezahlen und nach Hause, um mir auf DRS1 ein Hörspiel anzuhören, da sah ich sie. Mein Herz blieb kurz stehen.
Sie stand da am anderen Ende der Theke, ins Gespräch mit einer Freundin vertieft. Oder tat jedenfalls so, angestrengt nickte sie bestätigend und schaute ihr konzentriert in die Augen, während die Freundin ohne Luft zu holen dauerplapperte und energisch mit den Händen fuchtelte.
Ich wusste, dass sie sich eigentlich langweilte, weil ich mich in ihrem Manierismus wiedererkannte. Wahrscheinlich liess sich die Freundin zum achtundfünfzigsten Mal über genau dieselben Fisimatenten ihres Partners aus. Etwas, das die Zuhörerin nicht mehr hören, dies aber nicht mitteilen konnte, weil sie wusste, dass ihre Freundin beratungsresistent war und sich nur verbal erleichtern musste. Und das war okay, dafür war sie ja da. So funktionieren eben Freundschaften, das hatte auch ich begriffen. Eine Seelenverwandte? Vielleicht, auf jeden Fall ein unglaublich attraktives Geschöpf.
Ich durfte das auf keinen Fall vergeigen. Ich bestellte noch ein Bier.
Sie merkte – wie alle Frauen das spüren – dass sie beobachtet wurde. Ihre Augen huschten kurz zu mir, keine ganze Sekunde, doch lange genug, um mich wahr zu nehmen und die aufgenommenen Informationen im visuellen Zentrum in aller Ruhe zu analysieren.
Frauen können das eben, während wir Männer stundenlang glotzen müssen und immer noch nicht wissen, welche Augenfarbe unser Gegenüber hat.
Da! Sie wechselte ihre Körperhaltung und strich sich kurz eine Strähne aus dem Gesicht. Sie hatte mich also registriert und irgendwas in ihrem hübschen Köpfchen ist zum Schluss gekommen, dass der Typ, der sie vom anderen Ende der Theke angelächelt hatte, interessant sein könnte.
Ich durfte das auf keinen Fall vergeigen. Ich bestellte noch ein Bier.
Ich hatte noch immer keinen Plan, aber vertraute darauf, dass sich eine günstige Gelegenheit von alleine ergeben würde. Tatsächlich berührte sie den Arm ihrer Freundin und sagte ihr etwas ins Ohr. Dann hängte sie sich ihre Tasche um und machte sich auf den Weg – in meine Richtung! Natürlich nicht wegen mir, das war mir klar, also vielleicht doch, aber sicher nicht, um mich anzusprechen. Vielmehr nutzte sie die Gelegenheit, dass sich die Toilette hinter mir befand, um mir die Gelegenheit zu geben, sie anzusprechen. Vermutlich. Vielleicht auch nicht. Sie kam immer näher, ohne mich anzusehen. Das war ja klar. Ich musste nun etwas tun, gleich würde sie an mir vorbeigehen, sie präsentierte sich mir auf dem Silbertablett, ich musste nur etwas tun. Und zwar jetzt! Genau das tat ich: ich drehte mich zur Bardame und bestellte noch ein Bier.
Es lief doch ganz gut bisher, jetzt nur nicht nervös werden. Und auf keinen Fall vergeigen!
Ich hatte nun ein bis zwei Minuten Zeit, bis sie von ihrem Alibi-WC-Besuch zurückkommen würde, um mir eine Strategie zusammen zu schustern. Ich musste mich konzentrieren und durfte mich auf gar keinen Fall ablenken lassen – oh, meine Schnürsenkel sind offen!
Ich stieg vom Barhocker, um mir die Schuhe zu binden. Als ich aufstand stiess ich mit einer Frau zusammen – mit ihr!
«Oh, sorry» - «'Tschuldigung!»
Ich lächelte. Sie lächelte. Dann ging sie weiter und kehrte zu ihrer Freundin zurück, die sofort und genau an der Stelle weiterplapperte, an der sie zuvor aufgehört hatte.
Na bitte, lief doch prima! Ich durfte das nun erst recht auf keinen Fall vergeigen. Ich bestellte noch ein Bier.
Es dauerte keine fünf Minuten, da blickte sie das erste Mal zu mir herüber. Jetzt musste ich wirklich aktiv werden, denn wenn eine Frau ein zweites Mal schaut und der Kerl noch immer keine Anstalten macht, fühlt sie sich zurückgewiesen und das Interesse erlöscht so schnell, wie es aufgeflammt ist. Dann kann er es vergessen. Für immer. Ausser er steht darauf, «nur Freunde» zu werden.
Ich musste mir also schnell was einfallen lassen. Ich bestellte also noch ein Bier.
Doch Fortuna meinte es gut mit mir. Vielleicht verwechselte sie mich auch mit einem anderen – egal. Denn sie eröffnete mir eine neue Gelegenheit. Nun musste nämlich die Freundin zur Toilette. Als sie weg war, schaute mich dieser Engel das zweite Mal an. Frontal. Direkt in die Augen. Die Aufforderung war weder zu übersehen, noch zu überhören. Jetzt oder nie. Ich durfte das auf keinen Fall vergeigen.
Mut hatte ich mir genug angetrunken. Ich war kaum noch fähig, verständlich zu reden, doch das spielte kein Rolle. Kontinente wurden mit dem Schwert erobert, nicht mit Worten, wenn Ihr versteht, was sich meine. Also stieg ich vom Barhocker und ignorierte das Surren der eingeschlafenen Beine. Vorsichtig tastete ich mich leicht schwankend in Richtung dieser bezaubernden Schönheit. Sie tat, als sähe sie mich nicht und tippte statt dessen wie wild auf ihrem Smartphone rum. Es verunsicherte mich nicht, denn ich wusste, das war alles «part of the game».
Dann stand ich vor ihr, grinsend, schwankend. Gespielt überrascht blickte sie mich an, hob halb fragend, halb spöttisch-abwartend eine Augenbraue. Mann, war das sexy! Jetzt musste ich etwas sagen, nicht zu banal, nicht zu aufgesetzt, nicht zu gekünstelt, nicht zu einstudiert, nicht zu 2010. Vor allem durfte ich nicht das Falsche sagen, das würde alles ruinieren. Also brachte ich meinen besten Spruch, den ich auf Lager hatte: «Hoi.»
Ihre Braue blieb oben, doch um ihre Mundwinkel zuckte ein Lächeln. «Hoi», antwortete sie nicht minder originell. Sie hatte angebissen! Der Rest würde ein Kinderspiel sein. Ich durfte einfach diese bestimmte Sache nicht sagen. Ich durfte es einfach nicht vergeigen.
Am besten, ich nahm schnell noch einen Schluck Bier – oh, die Flasche hatte ich am anderen Ende der Theke stehen lassen!
«So doof, jetzt habe ich meine Flasche da hinten stehen lassen und werde mir wohl eine neue bestellen. Anstandshalber müsste ich Dich natürlich fragen, ob ich Dir was zu trinken offerieren darf. Aber das ist sowas von abgedroschen, offensichtlich und peinlich, dass – sofern Du nur einen Funken Stil und Stolz in dir trägst - Du geradezu gezwungen bist, mir eine eiskalte Abfuhr zu erteilen. Dabei würde ich sehr gerne hier bleiben und etwas mit Dir plaudern. Du siehst also, in welchem Dilemma ich stecke.»
«Mh», erwiderte sie auf das, was ich soeben gesagt hatte. Vielleicht hatte ich auch ganz was anderes gesagt, so genau weiss ich das nicht mehr, auf jeden Fall konnte sie es unmöglich verstanden haben, so schwer wie meine Zunge geworden war. Aber so formuliert liest es sich gut und lässt mich unerhört eloquent und spontan erscheinen.
Ich zeigte auf ihr leeres Glas und machte ein fragendes Gesicht. Und hoffte, dass sie sich schnell entscheiden würde, damit ich nicht auch noch für ihre Freundin zahlen musste. Da fiel mir ein, dass Frauen (in der Regel) gerne Männer haben, die Initiative zeigen und so bestellte ich - unter dem obligaten, dem Höflichkeitsprotokoll entsprechenden Widerstand («Oh nei! Was? Bisch sicher?») - zwei Prosecco. So lange ich mich beherrschen konnte, bestand keine Gefahr. Jetzt durfte ich es einfach nicht vergeigen.
Gerade als wir anstossen und uns vorstellen wollten, kam ihre Freundin zurück. Die machte natürlich ein ziemlich bedeppertes Gesicht. Wenn Freundinnen miteinander ausgehen, ist es immer kritisch, wenn die eine angebaggert wird – und die andere nicht. (Natürlich nur für die, die NICHT angebaggert wird, also eine reine Frage der Perspektive.) So warf die aussen Vorgelassene ihrer Freundin einen bösen Blick zu.
«Nana, bitte keine Szene, Sie kann absolut nichts dafür!» Nun wanderte das böse Auge zu mir. «Wirklich», fuhr ich fort. «Da war dieser unmögliche Typ, der sie einfach nicht in Ruhe lassen wollte. Furchtbar. Ich konnte es nicht mehr länger mitansehen und MUSSTE mich einmischen!»
Die Freundin funkelte mich noch immer böse an, schien aber leicht verunsichert: «Sind wir hier bei Date Doctor oder was?» Meine Herzdame erkannte den Riss in der Rüstung und kam mir zur Hilfe: «Ja, Ehrenwort, es war grässlich.» Wow! Es lief einfach super! Wir verstiegen uns in die wildesten Beschreibungen des vermeintlichen Lustmolches und was er getan und gesagt habe, bis der Freundin klar wurde, dass ihr Part für heute gestorben war. Sie wagte noch einen Versuch, mich wieder abzuhängen: «Du, es ist Zeit, ich muss los. Kommst Du?»
«Nein, bleib doch noch ein wenig», wagte ich mutig in gespielt weinerlichem Ton zu intervenieren.
«Mh», sagte sie erneut und inzwischen wusste ich, dass das durchaus kein schlechtes Zeichen war.
Ihre Freundin war ziemlich enttäuscht, aber was sollte ich machen? So läuft das nun mal, gegengeschlechtliche Anziehung ist eine der stärksten Kräfte in unserem Leben, selbst wenn sie unbewusst oder unterschwellig wirkt. Jetzt durfte ich es erst recht nicht vergeigen.
Die folgenden paar Stunden vergingen wie im Flug. Sie taute langsam auf und so schäkerten wir hin und her, verrieten uns, was wir mögen und was nicht, wen oder was wir doof fanden und wen oder was Kult, welche TV-Serien wir uns antaten und welche nicht, bei welchen Filmen wir lachten und bei welchen wir weinten, über die Psychos die es gibt und die man kennenlernt, welche Macken der Ex-Partner uns in vergangenen Beziehungen zum Wahnsinn trieben und welche eigenen Macken uns im Wege standen, und so weiter und so fort. Kurz: es war einfach schön. So unangestrengt. So perfekt.
Inzwischen war es zumindest der Bedienung in der Bar nicht verborgen geblieben, dass sich hier etwas entwickelte. Als das umwerfende Wesen einmal zur Toilette musste, zwinkerte mir der Barchef, der die Theke abwischte, zu: «Alles klar? Läufts?»
«Ja, und wie! Ich darf es einfach nicht vergeigen.»
Der Barchef hielt kurz inne und nickte dann langsam: «Ich weiss genau, was Du meinst! Einfach nicht die Nerven verlieren und...»
Ich hob die Hand, um ihn zu unterbrechen.
«Sag es nicht, ich will es gar nicht hören. Wir verstehen uns auch so.»
Eine halbe Stunde später waren wir so weit, dass ich beim Lachen kurz meinen Arm um ihre Taille legte und sie im Gegenzug ihre Hand um meinen Arm oder gelegentlich den Kopf an meine Schulter legte. Alles würde gut! Ich spürte es! Ausser, wenn ich es vergeigte! Ich musste mich zusammenreissen. Ich hatte nun genug getrunken, dass mir die Beherrschung entgleiten könnte. Konzentration, Henrik, Konzentration! Du bist fast am Ziel! Dann spielt es keine Rolle mehr! Dieses Wort darf Dir einfach heute nicht über die Lippen kommen!
Eine weitere Stunde später bemerkte ich, dass das Personal anfing, Stühle aufzutischen. «Wie – fertig jetzt?»
«Fertig», bestätigte der Barchef, während er bei den letzten Gästen einkassierte.
«Na, dann... gehen wir doch auch..?» sagte ich. Sie nickte, aber ohne mir in die Augen zu schauen. Sie war nervös und versuchte es zu kaschieren! Ein Gefühl des Triumphs strömte durch meinen Körper. Doch gleichzeitig stand der Dämon zuvorderst auf meiner Zunge, drückte von innen gegen den Unterkiefer und versuchte, ihn aufzustemmen, um herauszukommen und Unheil anzurichten. Doch ich war Manns genug, diesen Impuls zu unterdrücken. Noch. Denn ich wollte es diesmal auf gar keinen Fall vergeigen.
«Tschüss zäme!» sagte der Barchef, der inzwischen etwas müde aussah und auch froh war, den Laden schliessen zu können. Eine Mitarbeiterin steckte irgendwo einen Staubsauger ein, es knallte und die Sicherung flog raus. Es wurde dunkel. Nicht Nachtschwarz, aber dunkel genug, um nur noch die Umrisse voneinander zu sehen.
Da stand sie also vor mir, kaum zu sehen und doch sah ich das erwartungsvolle Schimmern in ihren Augen. Sie lächelte und wartete. Eigentlich war alles gesagt. Ich legte meine Hände um ihre Taille und zog sie langsam zu mir hin. Ich sog ihren Duft ein. Sie legte den Kopf etwas schief, öffnete leicht ihren Mund und schloss ihre umwerfenden Augen. Nur noch wenige Millimeter und unsere Lippen würden sich berühren. Seit Stunden schon sehnte ich mich nach diesem erlösenden, süssen Kuss. Doch auch seit Stunden schon wütete dieser Dämon in mir, den ich bislang im Zaum halten konnte. Aber dieser Dämon war ein schlauer Dämon und er wusste, die Gunst des Augenblicks zu nutzen und so schaltete er den Rest meines übriggebliebenen Verstandes aus, öffnete mir meinen Mund und nahm Besitz von meiner Zunge.
Ich raunte: «Du bist so wun-der-schön!»
Jemand drückte die Sicherung wieder rein. Grelles Licht ging an. Sie stiess mich von sich: «Was?»
Der Barkeeper starrte mich an: «Was?»
Das restlich Barpersonal tuschelte und zeigte in meine Richtung.
Die letzten Gäste schüttelten enttäuscht den Kopf.
«Was? Oh nein! Was hab ich getan?»
Hektisch packte sie ihre Sachen zusammen. Sie vermied es, mich dabei anzusehen. Ihre Wangen waren gerötet.
«Gibst Du mir noch deine Nummer..?» versuchte ich noch irgendwie die Situation zu retten. Genau so gut hätte ich versuchen können, ein Baugesuch für ein Minarett einzureichen. Es war sinnlos.
Sie ergriff ihre Tasche und verliess die Bar. Ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen. Ich hatte es vergeigt. Voll.
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